Journalismus in Echtzeit – neue Ausgabe erschienen (Communicatio Socialis 04/15)

ComSoc 4_2015 UmschlagDie regelmäßig zum Jahresende veröffentlichten Rückblicke auf die (Medien)Ereignisse des Jahres wirken für 2015 wie eine Beispielsammlung für Berichterstattung, die im hohen Maße auf Echtzeit gesetzt hat: das Attentat auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im Januar, der Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich im März und schließlich die Attentate in Paris im November. All diesen Ereignissen wohnt eine große Tragik verbunden mit großem menschlichem Leid inne. Seitens der Rezipienten bestand ein hohes Informationsbedürfnis, das es seitens der Journalisten möglichst rasch zu befriedigen galt. Mobile Endgeräte, soziale Netzwerke und Blogs steigerten das Tempo im Nachrichtengeschäft im Kampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit. Geschwindigkeit und nicht Reflexion und Gewichtung bestimmten den Takt im real-time journalism. Das Publikum – der Beschleuniger im Nachrichtengeschäft – bekam Terror und Katastrophe in Echtzeit. Zur Berichterstattung war nahezu zeitgleich vehemente Kritik zu vernehmen, die noch anhielt als sich der Medientenor wieder anderen Themen zuwandte.Im Geschwindigkeitsrausch steigen die Fehlerrate und das Risiko, dass Persönlichkeitsrechte der Betroffenen verletzt werden. Falschmeldungen und Gerüchte verbreiteten sich rasant auch über als seriös und glaubwürdig eingestufte Medien, in der Berichterstattung wurde auch auf ethisch fragwürdige Recherchemethoden, Bilder und Worte zurückgegriffen. Und im Bedienen einer wachsenden Jetzt-Leidenschaft des Publikums berichteten die Journalist_innen vom Ort des jeweiligen G schehens, obwohl die Nachrichtenlage keine Aktualisierung der Informationen zuließ.

Motor für die kritikwürdigen Auswüchse in der Berichterstattung ist die zunehmende Digitalisierung, mit der sich Informationsdichte, -tempo, -kanäle und -quellen vervielfacht haben. Die Echtzeitteilhabe für das Publikum beschränkt sich längst nicht mehr auf die einordnende Live-Vermittlung durch professionelle Journalist_innen. Vielmehr ist ein Dabeisein im Netz über soziale Medien Realität. Die klassischen Medien kommen, gefangen im Korsett ihrer Publikationsintervalle, an die Geschwindigkeit der Informationsvermittlung dieser Kanäle mit ihren technischen und personellen Ressourcen nicht heran. Um mitzuhalten, bedienen sie neue Kanäle und machen Abstriche in Recherche, Einordnung und Hintergrundinformation. Dass eine solche Entwicklung aus medienethischer Perspektive relevant ist, liegt auf der Hand. Die Beiträge zum Schwerpunkt im aktuellen Heft widmen sich mit je unterschiedlichem Fokus und aus verschiedenen Blickwinkeln den medienethischen Fragen rund um „Aktualität und Echtzeit im Journalismus“.

Den Auftakt machen Klaus-Dieter Altmeppen, Christoph Bieber, Alexander Filipović und Jessica Heesen. In ihrem Beitrag „Echtzeit-Öffentlichkeiten“ betrachten sie das Phänomen als Folge der Digitalisierung. Den Autor_innen zufolge bilden sich Echtzeit-Öffentlichkeiten nicht mehr allein auf Basis des Journalismus. Vielmehr treten neben die Journalist_innen viele weitere Öffentlichkeitsakteure, die nicht nach journalistischen Standards arbeiten. Vor dem Hintergrund der sich elementar wandelnden Öffentlichkeiten fordern die Autor_innen eine Neubestimmung von medialer Ethik und Verantwortung.

Hans-Joachim Höhn beschäftigt der veränderte Umgang mit Zeit. Er diagnostiziert das Zeitalter der Beschleunigung, treibende Kraft sei dabei ein kinetischer Imperativ. Der Mensch unterwirft sich, sagt Höhn, dem Zwang der Beschleunigung seiner Lebensvollzüge, auch um der Vergänglichkeit zu entkommen. In der Folge werden Raum und Zeit entgrenzt. Die Beziehung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschiebe sich, wobei die Gegenwart einen ständigen Bedeutungsverlust erleide. Tobias Eberwein diskutiert das Verhältnis von Aktualität und Schnelligkeit aus medienethischer Perspektive. Er verweist auf die zeitliche, sachliche und soziale Dimension von Aktualität und sieht diesen Dreiklang durch den Geschwindigkeitswahn gefährdet. In der Folge leide die Glaubwürdigkeit des Journalismus. Er plädiert vor allem für eine Rückbesinnung auf die sachliche und soziale Dimension.

Mit den „Chancen und Risiken von Medienkritik in Echtzeit“ befasst sich Stefan Niggemeier. Dem Nachteil fehlender Reflexionszeit stehe der Vorteil der Medien gegenüber, rasch reagieren und korrigieren zu können. Zugleich mahnt er zur Ent- schleunigung der Berichterstattung und damit einhergehender inhaltlicher Profilierung. Der Text kann kostenlos abgerufen werden.

Eine Antwort klassischer Medien auf die digitale Konkurrenz in der aktuellen Berichterstattung ist die Nutzung eigener digitaler Kanäle. Als Beispiel für einen solchen stellt Christian Daubner zum Abschluss die neue Nachrichten-App des Bayerischen Rundfunks vor. Ziel der App „BR24“ sei es, Nachrichtenangebote plattformgerecht zu modifizieren und so alle Generationen zu erreichen. Dabei bekommt der User eine aktive Rolle in der Auswahl und Gewichtung der einzelnen Meldungen.

Das neue Heft ist ab sofort online abrufbar. Die Artikel können auch einzeln erworben werden. Wie gewohnt erscheint die neue Ausgabe auch in gedruckter Form. Die Zeitschrift Communicatio Socialis erscheint im verzögerten Open Access: 12 Monate nach Erscheinen eines Artikels ist er frei im Netz zugänglich. Eine Reihe von (Universitäts-) Bibliotheken haben Communication Socialis lizensiert und gewähren ihren Nutzer_innen Zugriff auf die aktuellen Inhalte (siehe diese Übersicht).

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