Flucht und Migration – neue Ausgabe von Communicatio Socialis (01/16) erschienen!

ComSoc_UmschlagIn Nachrichtensendungen, Zeitungen, Zeitschriften und auf Onlineportalen ist „Flucht“ omnipräsent. Politische Talkshows kennen kaum ein anderes Thema. Anne Will diskutierte in sechs von acht Sendungen von Januar bis Anfang März 2016 über Flucht, Flüchtende und die Auswirkungen; acht von acht „Hart aber Fair“-Sendungen widmeten sich im gleichen Zeitraum dieser Thematik und sechs von acht „Maybrit Illner“- Sendungen. So groß wie das öffentliche Interesse scheint auch die Sensibilität der Öffentlichkeit zu sein, wenn es um das Was und Wie der Berichterstattung geht. Allein zur Berichterstattung über die Silvesterereignisse in Köln gingen 31 Beschwerden beim Deutschen Presserat ein: „Diskriminierung“ und „Rassismus“ lauteten die häufigsten Vorwürfe. Doch der Presserat bewertete alle Beschwerden als unbegründet (Deutscher Presserat 2016a). Aus medienethischer Perspektive bietet das Thema „Flucht und Migration“ unzählige Anknüpfungspunkte für eine kritisch hinterfragende und diskursive Auseinandersetzung. Dem trägt Communicatio Socialis mit dem Schwerpunkt „Flucht und Migration in den Medien“ Rechnung.

Der Themenschwerpunkt beginnt mit einem Aufsatz von Friederike Herrmann über „Narrative in der Berichterstattung zum Flüchtlingsthema“. Der Beitrag fußt auf einer Analyse von TV-Nachrichtensendungen und Tageszeitungen. Die Autorin kann zeigen, dass die in der medialen Massenkommunikation vorherrschenden und meist negativ konnotierten Narrative Fakten verdrängen. Ausweg aus diesem Zerrbild ist in Herrmanns Augen ein kritischer und aufklärerischer Journalismus, der gängige Narrative entlarvt und auf Fakten setzt.

Petra Hemmelmann und Susanne Wegner widmen sich zum einen Mustern und Themenschwerpunkten in der Berichterstattung zur Fluchtthematik und zum anderen untersuchen sie Facebook- Posts politischer Parteien. Sie können fünf Wellen der Bericht- erstattung identifizieren, die jeweils von anderen Stereotypen und Schwerpunkten geprägt sind. Auf „Facebook“ spiegelte sich die Spaltung der Gesellschaft wider, wobei vor allem die AfD und die CSU mit ihren ablehnenden Haltungen zur Aufnahme von Flüchtenden Zuspruch erhalten.

Mit der Darstellung von Flucht und Migration im Film befasst sich Thomas Bohrmann. Der Autor stellt sechs verschiedene Filme vor, die den Zuschauer zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema auffordern, weil sie emotionale und kognitive Impulse bieten. In der Konsequenz plädiert Bohrmann für einen bewussten pädagogischen Einsatz der Filme.

Der Medienrechtler Ernst Fricke beleuchtet aus juristischer Perspektive die Berichterstattung über die Ereignisse der Silvesternacht in Köln. Anhand rechtlicher Grundlagen und Grundsatzurteile betont Fricke die Bedeutung der Regeln zu Diskriminierung und Vorverurteilung im Pressekodex.

Das neue Heft ist ab sofort online abrufbar. Die Artikel können auch einzeln erworben werden. Wie gewohnt erscheint die neue Ausgabe auch in gedruckter Form. Die Zeitschrift Communicatio Socialis erscheint im verzögerten Open Access: 12 Monate nach Erscheinen eines Artikels ist er frei im Netz zugänglich. Eine Reihe von (Universitäts-) Bibliotheken haben Communication Socialis lizensiert und gewähren ihren Nutzer_innen Zugriff auf die aktuellen Inhalte (siehe diese Übersicht).

 

Journalismus in Echtzeit – neue Ausgabe erschienen (Communicatio Socialis 04/15)

ComSoc 4_2015 UmschlagDie regelmäßig zum Jahresende veröffentlichten Rückblicke auf die (Medien)Ereignisse des Jahres wirken für 2015 wie eine Beispielsammlung für Berichterstattung, die im hohen Maße auf Echtzeit gesetzt hat: das Attentat auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im Januar, der Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich im März und schließlich die Attentate in Paris im November. All diesen Ereignissen wohnt eine große Tragik verbunden mit großem menschlichem Leid inne. Seitens der Rezipienten bestand ein hohes Informationsbedürfnis, das es seitens der Journalisten möglichst rasch zu befriedigen galt. Mobile Endgeräte, soziale Netzwerke und Blogs steigerten das Tempo im Nachrichtengeschäft im Kampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit. Geschwindigkeit und nicht Reflexion und Gewichtung bestimmten den Takt im real-time journalism. Das Publikum – der Beschleuniger im Nachrichtengeschäft – bekam Terror und Katastrophe in Echtzeit. Zur Berichterstattung war nahezu zeitgleich vehemente Kritik zu vernehmen, die noch anhielt als sich der Medientenor wieder anderen Themen zuwandte.Im Geschwindigkeitsrausch steigen die Fehlerrate und das Risiko, dass Persönlichkeitsrechte der Betroffenen verletzt werden. Falschmeldungen und Gerüchte verbreiteten sich rasant auch über als seriös und glaubwürdig eingestufte Medien, in der Berichterstattung wurde auch auf ethisch fragwürdige Recherchemethoden, Bilder und Worte zurückgegriffen. Und im Bedienen einer wachsenden Jetzt-Leidenschaft des Publikums berichteten die Journalist_innen vom Ort des jeweiligen G schehens, obwohl die Nachrichtenlage keine Aktualisierung der Informationen zuließ.

Motor für die kritikwürdigen Auswüchse in der Berichterstattung ist die zunehmende Digitalisierung, mit der sich Informationsdichte, -tempo, -kanäle und -quellen vervielfacht haben. Die Echtzeitteilhabe für das Publikum beschränkt sich längst nicht mehr auf die einordnende Live-Vermittlung durch professionelle Journalist_innen. Vielmehr ist ein Dabeisein im Netz über soziale Medien Realität. Die klassischen Medien kommen, gefangen im Korsett ihrer Publikationsintervalle, an die Geschwindigkeit der Informationsvermittlung dieser Kanäle mit ihren technischen und personellen Ressourcen nicht heran. Um mitzuhalten, bedienen sie neue Kanäle und machen Abstriche in Recherche, Einordnung und Hintergrundinformation. Dass eine solche Entwicklung aus medienethischer Perspektive relevant ist, liegt auf der Hand. Die Beiträge zum Schwerpunkt im aktuellen Heft widmen sich mit je unterschiedlichem Fokus und aus verschiedenen Blickwinkeln den medienethischen Fragen rund um „Aktualität und Echtzeit im Journalismus“.

Den Auftakt machen Klaus-Dieter Altmeppen, Christoph Bieber, Alexander Filipović und Jessica Heesen. In ihrem Beitrag „Echtzeit-Öffentlichkeiten“ betrachten sie das Phänomen als Folge der Digitalisierung. Den Autor_innen zufolge bilden sich Echtzeit-Öffentlichkeiten nicht mehr allein auf Basis des Journalismus. Vielmehr treten neben die Journalist_innen viele weitere Öffentlichkeitsakteure, die nicht nach journalistischen Standards arbeiten. Vor dem Hintergrund der sich elementar wandelnden Öffentlichkeiten fordern die Autor_innen eine Neubestimmung von medialer Ethik und Verantwortung.

Hans-Joachim Höhn beschäftigt der veränderte Umgang mit Zeit. Er diagnostiziert das Zeitalter der Beschleunigung, treibende Kraft sei dabei ein kinetischer Imperativ. Der Mensch unterwirft sich, sagt Höhn, dem Zwang der Beschleunigung seiner Lebensvollzüge, auch um der Vergänglichkeit zu entkommen. In der Folge werden Raum und Zeit entgrenzt. Die Beziehung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschiebe sich, wobei die Gegenwart einen ständigen Bedeutungsverlust erleide. Tobias Eberwein diskutiert das Verhältnis von Aktualität und Schnelligkeit aus medienethischer Perspektive. Er verweist auf die zeitliche, sachliche und soziale Dimension von Aktualität und sieht diesen Dreiklang durch den Geschwindigkeitswahn gefährdet. In der Folge leide die Glaubwürdigkeit des Journalismus. Er plädiert vor allem für eine Rückbesinnung auf die sachliche und soziale Dimension.

Mit den „Chancen und Risiken von Medienkritik in Echtzeit“ befasst sich Stefan Niggemeier. Dem Nachteil fehlender Reflexionszeit stehe der Vorteil der Medien gegenüber, rasch reagieren und korrigieren zu können. Zugleich mahnt er zur Ent- schleunigung der Berichterstattung und damit einhergehender inhaltlicher Profilierung. Der Text kann kostenlos abgerufen werden.

Eine Antwort klassischer Medien auf die digitale Konkurrenz in der aktuellen Berichterstattung ist die Nutzung eigener digitaler Kanäle. Als Beispiel für einen solchen stellt Christian Daubner zum Abschluss die neue Nachrichten-App des Bayerischen Rundfunks vor. Ziel der App „BR24“ sei es, Nachrichtenangebote plattformgerecht zu modifizieren und so alle Generationen zu erreichen. Dabei bekommt der User eine aktive Rolle in der Auswahl und Gewichtung der einzelnen Meldungen.

Das neue Heft ist ab sofort online abrufbar. Die Artikel können auch einzeln erworben werden. Wie gewohnt erscheint die neue Ausgabe auch in gedruckter Form. Die Zeitschrift Communicatio Socialis erscheint im verzögerten Open Access: 12 Monate nach Erscheinen eines Artikels ist er frei im Netz zugänglich. Eine Reihe von (Universitäts-) Bibliotheken haben Communication Socialis lizensiert und gewähren ihren Nutzer_innen Zugriff auf die aktuellen Inhalte (siehe diese Übersicht).

Jahrestagung Netzwerk Medienethik: Die Macht der strategischen Kommunikation

Plakat #nme16 als jpgDie Jahrestagung des Netzwerks Medienethik hat in diesem Jahr „Die Macht der strategischen Kommunikation“ zum Thema. Am 18. und 19. Februar 2016 befassen sich Wissenschaftler und Medienpraktiker mit neuen Formen von Werbung, Public Relations und Propaganda. Unter den Referenten sind unter anderem der Publizist und SWR-Chefreporter Thomas Leif, der Ressortleiter Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung, Stefan Kornelius, der emeritierte Professor für Öffentlichkeitsarbeit/PR an der Universität Leipzig, Günter Bentele, und die Leiterin der Abteilung Presse und Kommunikation der Hertie School of Governance, Regine Kreitz.

Das Netzwerk Medienethik veranstaltet die Tagung in Kooperation mit der DGPuK-Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik und unter Beteiligung der DGPuK-Fachgruppe PR und Organisationskommunikation und in Zusammenarbeit mit der Akademie für Politische Bildung, Tutzing.

Die Zeitschrift Communicatio Socialis ist  Teil des Netzwerks Medienethik. Eine Reihe unserer Autorinnen und Autoren sind als Rednerinnen und Redner bei der Tagung zu erleben. Wir würden uns freuen, wenn wir Sie dort ebenfalls treffen würden. Eine Anmeldung ist möglich bis 8. Februar. Weitere Informationen unter http://www.netzwerk-medienethik.de/jahrestagung/tagung2016/.

Zur Tagung wurden zwei Trailer produziert:

Neue Serie: Grundbegriffe der Medienethik

Logo GrundbegriffeEine neue Serie von Communicatio Socialis beschreibt und klärt grundlegende Begriffe der Kommunikations- und Medienethik. Namhafte Autor_innen geben kompakte, verständliche Grundinformationen auf wissenschaftlichem Niveau und liefern Hinweise zur weiteren Beschäftigung mit den Themen. Eine Übersicht der einzelnen Artikel finden Sie unter http://grundbegriffe.communicatio-socialis.de.

In jedem neuen Heft beginnend mit Heft 3/2015 wird ein weiterer Grundbegriff erläutert. Ziel ist es, für die Aus- und Weiterbildung, aber auch für die gesellschaftliche Diskussion, eine grundbegriffliche Orientierung anzubieten. Die Serie richtet sich an Studierende, Schüler, Pädagog_innen und Kommunikations- und Medienpraktiker_innen.

Ethik der Werbung – Neue Ausgabe erschienen (Communicatio Socialis 3/2015)

„Das wäre ein miserabler Werbespot, der den Zuschauer veranlaßt, nach der Gültigkeit der vorgetragenen Behauptungen zu fragen.“ Der von Neil Postman bereits 1985 formulierte Satz über die manipulative Kraft der Werbesprache bekommt mit dem Skandal um geschönte Abgaswerte von VW-Dieselmotoren in den USA eine bizarre Aktualität. Mit dem Slogan „Isn’t it time for German engineering?“ hatte VW in den USA für seinen „Clean Diesel“ geworben und geriet in Erklärungsnot, als klar wurde, dass der Motor gar nicht so „clean“ ist wie suggeriert.

Die Frage nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit ist dabei nur eine Facette ethischer Diskurse zur Werbung. Im ersten Halb- jahr 2015 betraf die große Mehrheit der beim Deutschen Werberat eigegangenen Vorwürfe „Geschlechterdiskriminierung“ (106 Fälle), gefolgt von „Ethik und Moral“ (21) und „Diskriminierung von Personengruppen“ (17).

Die ethischen Probleme rund um Werbung sind ebenso alt wie aktuell, ebenso offensichtlich wie tiefgründig, ebenso detailorientiert wie grundsätzlich. Communicatio Socialis widmet diesem Themenkomplex deshalb den Schwerpunkt der neu erschienenen Ausgabe.

Im ersten Beitrag illustriert Guido Zurstiege ethische Probleme der Werbung in Zeiten des medialen Wandels. Er zeigt auf, dass es einen Mangel an ethischen Diskussionen über Produzent_innen, Rezipient_innen und Mediensysteme gibt, während mediale Werbeinhalte ethische Diskussionen dominieren. Zugleich argumentiert Zurstiege, dass medienethische Fragen zur Werbung facettenreicher werden: beispielsweise durch Rollenkonflikte von Journalisten oder den prekären Umgang mit sensiblen Kundendaten. Der Text kann kostenlos abgerufen werden.

Nina Köberer stellt das Phänomen der „Haul-Videos“ auf Youtube ins Zentrum ihrer Betrachtung und verweist auf verschiedene ethische Probleme, wenn Teenager Produkte vor der Kamera präsentieren, sich selbst inszenieren und scheinbar authentisch Marken bewerben. Mit religiösen Motiven in der Werbung befassen sich Irene Raster und Alexander Godulla. Ihr Beitrag fußt auf einer quantitativen Inhaltsanalyse von Werbeanzeigen in „Der Spiegel“ aus den Jahren 2009 bis 2013. Die Autor_innen illustrieren substanzielle wie funktionale religiöse Werbemotive, deren Verteilung auf Branchen und zeigen eine signifikante Abnahme religiöser Werbemotive.

Den Abschluss des Schwerpunktes bilden Felix Krebber und Markus Wiesenberg, die sich in ihrem Beitrag dem von der katholischen Kirche 2010 angestoßenen Dialogprozess widmen und in diesem Zusammenhang die strategische Organisations- kommunikation durch die Amtskirche kritisch beleuchten. Die Autoren argumentieren, dass Binnenkommunikation und die Akzeptanz einer Organisation funktionieren, wenn Vorschläge von Betroffenen und Bezugsgruppen in die Ausgestaltung von Organisationshandeln implementiert werden. In der Kirche aber stellen sie unterschiedliche Interessen und teilweise widersprüchliches (Kommunikations-)Handeln fest.

Mit dem neuen Heft beginnt Communicatio Socialis außerdem die neue Serie „Grundbegriffe der Kommunikations- und Medienethik“. Ziel ist es, für die Aus‐ und Weiterbildung von Studierenden, Kommunikations-und Medienparktiker_innen, aber auch für die gesellschaftliche Diskussion, eine grundbegriffliche Orientierung anzubieten. Den Auftakt der definitorisch und diskursiv angelegten Reihe macht Alexander Filipović mit den Termini „Moral und Ethik“.

Das neue Heft ist ab sofort online abrufbar. Die Artikel können auch einzeln erworben werden. Wie gewohnt erscheint die neue Ausgabe auch in gedruckter Form.

Communicatio Socialis bereitet medienethisches Heft zur Flüchtlingskrise vor

In Reaktion auf die Flüchtlingskrise bereiten wir für das Heft 1/2016 ein medienethisches Heft zum Thema „Flucht und Migration“ vor. Wenn Sie selber Ideen für einen medienethischen Beitrag oder Hinweise auf Themen oder Autorinnen und Autoren haben, freut sich die Redaktion über eine Nachricht.

Andere Themen der nächsten Hefte sind „Aktualität und Echtzeit im Journalismus“ (4/2015) und „Sexualisierung und Pornographie“ (2/2016). Informationen dazu auch in der Heftvorschau.

Neue Ausgabe zur Glaubwürdigkeit des Journalismus

Die Angriffe auf den Journalismus und die Journalist_innen sind schärfer geworden. Anti-Medien-Parolen erhalten Zuspruch. Konstruktive Medienkritik weicht zunehmend pauschalen Beleidigungen. Verschwörungstheorien machen die Runde. Die Rede ist von Vorwürfen und Anschuldigungen wie „Desinformationskampagne“, „Gefälligkeitsberichterstattung“, „gekaufte und korrupte Journalisten“ und schließlich „Lügenpresse“ – das Unwort des Jahres 2014.

Cover der Ausgabe 2/2015Die letzte Erhebung der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation verzeichnete 2010 gegenüber 2005 einen Rückgang der Glaubwürdigkeit des Fernsehens von 66 auf 63 Prozent und der Tagespresse von 62 auf 60 Prozent, während die des Internets von 22 auf 29 Prozent stieg. Den Glaubwürdigkeitsverlust dokumentiert ebenfalls eine „Microsoft“-Umfrage aus dem Jahr 2015, nach der 31 Prozent der deutschen Onliner meinen, dass PCs, Tablets oder Smartphones vor allem einen negativen Einfluss auf das Vertrauen in die Medien haben. In der Allensbacher-Berufsprestigeskala rangieren Journalisten seit Jahren stabil auf niedrigem Niveau zwischen 11 und 18 Prozent. Auch die Medien selbst beschäftigen sich mit dem zunehmend mangelnden Vertrauen in sie selbst: „Alles Lügen?“, fragt die Wochenzeitung „Die Zeit“ am 25. Juni 2015 auf ihrer Titelseite.

Die Ursachen für die Glaubwürdigkeitskrise der traditionellen Medien sind vielfältig. Damit beschäftigt sich der Schwerpunkt der neuen Ausgabe von Communicatio Socialis unter dem Titel „Glaubwürdigkeit & Vertrauen – Journalismus zwischen Ressourcenkrise und entfesseltem Publikum“.

Im ersten Beitrag unterscheidet der Philosoph Patrick Zoll zwei Typen von Verschwörungstheorien mit unterschiedlichem Rationalitätspotential. Seine Analyse fokussiert auf einen neuen Realismus, mit dem eine normative Einrahmung der Medienkritik, als Kritik der Medienkritik, möglich ist. Die unterschiedlichen Dimensionen journalistischer Glaubwürdigkeitszuschreibungen stellen Tanja Thomas, Elke Grittmann und Fabian Virchow anhand ausgewählter Ergebnisse einer Studie vor, die sich mit der medialen Berichterstattung über die NSU-Morde befasst.

Akzeptanz und Vertrauen sind für die Mediengesellschaft von zentraler Bedeutung, denn Medien haben eine orientierende und anleitende Funktion. Darum wird zu Recht Qualität eingefordert. Der Dresdner Kommunikationswissenschaftler Lutz Hagen gibt deshalb einen Überblick über die Qualitätsforschung. Verschärft hat sich die Auseinandersetzung aber auch durch ein Klientel, das den Diskurs in den digitalen Medien vergiftet. Daher beschäftigt sich der bei der „Sächsischen Zeitung“ in Dresden tätige Redakteur Ulrich Wolf in einem Essay mit den Machenschaften und dem medialen Bashing der Pegida.

Abseits jeglicher fundierter Kritik agieren im Netz die Trolle. Sie tummeln sich in Kommentarspalten im Internet und in sozialen Netzwerken, um dort gezielt andere Internetnutzer zu provozieren, zu beleidigen und zu bedrohen. Petra Hemmelmann zeigt in Ihrem Beitrag zum Abschluss des Schwerpunkts exemplarisch auf, dass viele angegriffene Medien und Journalist_innen nicht mehr schweigen, sondern sich mit Ironie gegen die Trolle wehren.

Sie können das neue Heft ab sofort online lesen und auch einzelne Artikel abrufen. Wie gewohnt erscheint die neue Ausgabe auch in gedruckter Form.

 

 

Neue Ausgabe zum Thema: „Roboter-Journalismus“

ComSoc 1_2015_CoverAutomatisierung hat nur auf den ersten Blick nichts mit Journalismus gemein. Der Begriff provoziert zunehmend Ängste in der Branche: Arbeitsplatzverlust und das Ende journalistischer Standards sind die gängigen Hiobsbotschaften. Auf der anderen Seite setzen Unternehmen auf eine Mischung aus Automatisierung und Spezialisierung, die als Hilfstruppen die klassischen Redaktionen unterstützen sollen. Das sind technische Tools wie „datawrapper“ zur Visualisierung von Daten oder „teleocon“, ein virtuelles Newsroom-System, mit dem die Arbeit von Redaktionen von PC, Smartphone oder Tablet aus organisiert werden kann. Inhaltliches liefern dagegen Unternehmen wie „tame“ oder „retresco“. „Tame“ sortiert Tweets nach Themen und Hashtags, Benutzerkonten, Relevanz und anderen Kriterien. Zu den Kunden gehören bereits u.a. BBC, „New York Times“ oder „Zeit online“. „Retresco“ fasst Themen und Begriffe per Algorithmus im Netz zusammen und wertet sie semantisch aus. Nicht nur regionale und überregionale Medien, sondern auch Parteien und Ministerien nutzen dieses Angebot.

Roboterjournalisten bestehen aus Codes und die werden bereits jetzt in der faktenorientierten Berichterstattung, etwa bei Sport- und Börsennachrichten, eingesetzt. Sie sind konkurrenzlos schnell. Das US-amerikanische Unternehmen „Automated Insights“, an dem auch die amerikanische Nachrichtenagentur AP beteiligt ist, braucht pro Bericht 9,5 Sekunden. Einer Studie zufolge erkennen die meisten Leser keinen Unterschied, viele der Teilnehmer_innen bewerteten die automatisierte Berichterstattung sogar als objektiver.

Doch programmiert werden kann nicht alles. Automaten kennen keine ethischen Grundsätze, können nicht kritisch hinterfragen oder die Daten auf Plausibilität und Richtigkeit prüfen. Gleichwohl sind die Redaktionen verantwortlich für die veröffentlichten Inhalte. In einem Schwerpunkt zu diesem Thema versammelt die neue Ausgabe von Communication Socialis unter anderem Aufsätze und Erfahrungsberichte von Alexander Filipović, Klaus-Dieter Altmeppen, Martina Mahnke, Ernst Fricke und Marvin Oppong.

Lesen Sie das neue Heft ab sofort online als E-Journal. Wie gewohnt erscheint es auch in gedruckter Form.

Communicatio Socialis ist Teil des Netzwerks Medienethik

Logo Netzwerk Medienethik

Seit Anfang des Jahres 2015 ist Communicatio Socialis – Zeitschrift für Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft Mitglied im Netzwerk Medienethik.

Das Netzwerk Medienethik verbindet seit 1997 den medienkritischen Diskurs im deutschsprachigen Raum. Es hat sich zum Ziel gesetzt, die ethische Orientierung im Medienbereich zu fördern. Das Netzwerk Medienethik verbindet in einer freien Arbeitsgemeinschaft Theoretiker mit Praktikern. Die jeweils im Februar in München stattfindenden Jahrestagungen des Netzwerks stellen ein bekanntes Gesprächsforum zu Fragen der Medienethik dar. Die Tagung 2015 wurde von Vertretern der Zeitschrift besucht. Die Tagung 2016 behandelt das Thema „Die Macht der neuen Propaganda“ (18./19. Februar 2016).

Das Netzwerk Medienethik ist eine Initiative und eine offene medienethische Kontakt- und Diskussions-Plattform. Es wird (neben dem Engagement von vielen Einzelpersonen) getragen von Institutionen und Organisation mit deutlicher medienethischer oder medienpolitischer Ausrichtung. Unsere Zeitschrift ist Teil dieses Netzwerks. Herausgeber und Redaktion freuen sich, zum Netzwerk beitragen zu dürfen.

Neue Ausgabe zum Thema: „Bildethik im Fadenkreuz“

Vorsicht bei Gewaltfotos, titelt derzeit auf seiner Webseite der „Deutsche Presserat“, das Selbstkontrollorgan der deutschen Printmedien und deren Onlineprodukten. Im Kampf um Aufmerksamkeit und Exklusivität wurden unreflektiert Bilder von der Ermordung des US-Journalisten James Foley abgedruckt, ohne dass das Opfer unkenntlich gemacht wurde. Damit machten sich die Redaktionen „ethisch angreifbar“ und ließen sich durch die Terroristen instrumentalisieren, sagt Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Presserates. Ethisches Handeln fordert Tillmanns von Journalisten und Redaktionen. Aber nicht nur die Medienschaffenden tragen ethische Verantwortung, sondern auch das Publikum. Rezipienten üben Macht aus mit ihrer Entscheidung, welche Inhalte sie nutzen. Das gilt nicht nur für die klassischen Massenmedien, sondern auch für die sozialen Netzwerke und Onlineplattformen, wo die User potenziell auf Milliarden an Bildern zugreifen können. „Allein die Hinrichtung von James Foley wurde auf einer Internetseite, die solche Filme duldet, bisher 1,3 Millionen Mal angesehen. Plus die Klicks bei anderen Portalen“, hieß es am 20.10.2014 auf faz.net. Viele Betrachter reflektieren nicht, dass ihre Handlung das Opfer noch einmal zum Opfer macht und gleichzeitig unterstützt wird, was Terroristen wollen: Angst und Schrecken verbreiten, um ihre Ziele durchzusetzen. Zunehmend dominieren Visualisierung und Emotionalisierung die Berichterstattung, die Erklärung der Themen tritt in den Hintergrund. Vor diesem Hintergrund widmet sich Communication Socialis in Heft 4/2014 dem Thema „Bildethik im Fadenkreuz – Aktuelle Herausforderungen bei der visuellen Kommunikation“.

Cover von Ausgabe 4/2014Seit 1985 hat der Presserat aufgrund eingegangener Beschwerden nahezu 900 Mal Entscheidungen zu Bildveröffentlichungen getroffen (Onlinearchivabfrage). Das Zeigen von Opferfotos wird dabei immer wieder im Kontext von Katastrophen zum Thema. Beispiele sind die „Opfergalerien“ nach Flugzeugunglücken und School-Shootings. Aktuell überarbeitet der Presserat seinen Leitfaden zur Berichterstattung über Amokläufe, der aufgrund der vielen Beschwerden nach dem School Shooting in Winnenden entworfen wurde. Mit der Bildberichterstattung über School Shootings befasst sich im neuen Heft die Eichstätter Kommunikationswissenschaftlerin Melanie Verhovnik in ihrem Beitrag im Schwerpunkt Bildjournalismus. In ihrer Studie dokumentiert sie, welchen Umfang Bilder zu School Shootings in Print- und TV-Medien einnehmen, welche Inhalte sie zeigen und wie sie zu beurteilen sind. Ethisch problematisch ist neben der bildlichen Darstellung von Opfern und Opferfamilien auch die Wiedergabe des selbstinszenierten, nicht anonymisierten Bildmaterials der Täter durch die Medien gerade im Hinblick auf potenzielle Nachahmer, die auf solche Bilder und Videos zugreifen.

Der Schwerpunkt Bildjournalismus widmet sich darüber hinaus verschiedensten Aspekten der Inszenierung, Fiktion und Narration, die für die Konstitution von Wirklichkeit in und durch Fotografie zentral sind. Den Auftakt macht der Passauer Kommunikationswissenschaftler Alexander Godulla, dessen Aufsatz zum einen den Umgang der Pressefotografie mit Krisensituationen herausgreift und zum anderen neue Techniken der Bildbearbeitung als Innovationsfeld diskutiert. Einem breiten Publikum offenbarte sich letztere Problematik im Spannungsfeld der Postulate nach Objektivität und Authentizität in der Diskussion um das „World Press Photo“ 2013, dessen perfekte Ausleuchtung der digitalen Bildbearbeitung geschuldet ist. Die Einschätzungen der Fotografen dazu fallen unterschiedlich aus. Ihre Stimme ist in diesem Heft vertreten durch Till Mayer. Der Fotograf und Journalist, der seit vielen Jahren mit verschiedenen Hilfsorganisationen zusammenarbeitet und aus Kriegs- und Krisenländern sowie aus Katastrophengebieten berichtet, setzt als Maßstab ethischen Fotografierens den Respekt vor den Menschen.

Niemanden als hilfloses Opfer darzustellen, das ist auch der Tenor des Interviews, das Petra Hemmelmann mit Nicola van Bonn von der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des katholischen Hilfswerkes „Adveniat“ geführt hat. Nicht nur der Pressekodex dient den Mitarbeiter_innen der Publikationen von „Adveniat“ als Handlungsmaxime, sondern darüber hinaus ein eigener Ethik-Kodex, der auch die Entscheidung über eine Bildveröffentlichung trägt. In der Güterabwägung zwischen dem Schutz der Privatsphäre und dem öffentlichen Interesse hat die Menschenwürde bei „Adveniat“ stets Vorrang.

Sie finden das neue Heft ab sofort online als E-Journal. Wie gewohnt erscheint es auch in gedruckter Form.