Zum aktuellen Heft: Thema „Publikum M(m)acht Medien“

„Denkt rational, checkt Quellen, belohnt [Journalist_innen], die ihre Arbeit gut machen und verurteilt die, die ihrer Verantwortung nicht gerecht werden und ihre Macht missbrauchen“, mit diesen Worten beschließt der YouTuber Rezo sein Video „Zerstörung der Presse“, das in den letzten Wochen einige Aufmerksamkeit erregt hat. Ganz egal, wie man sein Video grundsätzlich bewertet: Mit seiner letzten Aufforderung an die Mediennutzenden spricht er einen wichtigen Punkt an, der leicht aus dem Blick verloren wird: Nicht nur Medienschaffende tragen Verantwortung, sondern auch diejenigen, für die Medien gemacht werden. Das heißt, wir alle tragen Verantwortung. Verantwortung für die Wahl der konsumierten Medieninhalte und dafür, ob und wie wir sie bewerten, kommentieren, teilen. Verantwortung erwächst auch daraus, dass wir heute nicht mehr nur Rezipient_innen, sondern häufig auch selbst Medienschaffende sind. Egal ob in Blog- oder Vlogeinträgen oder auch nur durch regelmäßige Postings auf Social-Media-Plattformen: Noch nie war es leichter, die eigene Meinung mit der Welt zu teilen.

Deutlich wird: Publikumsethische Fragestellen gehen uns alle an und gewinnen in einer digitalen Welt erneut an Relevanz. Aus diesem Grund widmet sich die aktuelle Ausgabe von Communicatio Socialis schwerpunktmäßig dieser wichtigen Verantwortungsgruppe.

Die Beiträge im Heft

Doch zu welchem Medienhandeln ist das Publikum aus medienethischer Perspektive tatsächlich zu verpflichten? Und wie könnten diese Pflichten begründet werden? Diese Fragen stehen im Zentrum von Rüdiger Funioks Grundlagenbeitrag. Er verortet die Verantwortung des Publikums auf drei Ebenen: Neben der privaten Verantwortung sich selbst gegenüber verweist er auf die öffentliche und staatsbürgerliche Verantwortung, zu der auch eine Teilhabe an einem lebendigen digitalen Diskurs gehört sowie auf die pädagogische Verantwortungsdimension von Eltern, Erzieher_innen und Lehrer_innen.

Dass insbesondere die letztgenannte Dimension aus medienethischer Perspektive von zentraler Bedeutung ist, macht Matthias Rath deutlich, indem er den Menschen aus einer medienanthropologischen Perspektive als „medial verfasstes Wesen“ beschreibt. Im Zentrum seines Artikels steht die Frage, wie und durch wen zukünftige Medienakteure dazu befähigt werden können, ihre Medienansprüche kompetent zu äußern und zu realisieren.

Öffentlichkeit und Publikum befinden sich derzeit in einem tiefgreifenden Wandel. Doch wie lassen sich derartige Phänomene sinnvoll beschreiben? Thomas Zeilinger untersucht in seinem Beitrag mediale Strukturen, die der Emanzipation des Publikums zugrunde liegen. Im Fokus steht hierbei das Bild des Netzwerks, durch das die neue Rolle der Mediennutzenden greifbar wird. Aus der sich hieraus erwachsenden zunehmenden Verantwortung für alle Akteure leitet er zwei zentrale gesellschaftliche Aufgaben ab: Einerseits das Schaffen eines Bildungsrahmens, der den Bedarf an medienpädagogischer und medienethischer Bildung deckt, sowie die demokratische Gestaltung der medialen Infrastruktur. Dieser Beitrag ist ab sofort kostenfrei über https://doi.org/10.5771/0010-3497-2020-2-158 abrufbar.

Eine besondere Rolle mit Blick auf die Teilhabe des Publikums am medialen Diskurs spielen Soziale Medien. Sie bieten jedem und jeder die Möglichkeit zu publizieren und eine Vielzahl an Follower_innen zu erreichen. Dies geht mit medienethischen Herausforderungen, wie der Frage nach Wahrhaftigkeit oder nach einem wertschätzenden Miteinander, einher. Welche Kompetenzen für eine ethisch-verantwortungsvolle Beteiligung in der Social-Media-Welt nötig sind, zeigen Kristina Wied, Judith Pies und Thilo Büsching in ihrem Beitrag anhand eines „Social-Clever-Kompetenz-Modells“.

Die besondere Rolle der Mediennutzer_innen bei Computerspielen untersucht demgegenüber Stefan Piasecki: Bei Bildschirmspielen sind es in aller Regel die Spielenden selbst, die aufgrund ihrer Entscheidungen für den Fortgang des Spieles verantwortlich sind. Die Frage nach der Macht und ihrer Wirkung auf die Spielenden und auf das Spiel stehen daher im Fokus seines Beitrags.

Mit der sprichwörtlichen „Macht des Publikums“ wird häufig auf den Umstand verwiesen, dass man durch das gezielte Konsumieren bestimmter Medienprodukte zumindest indirekt mitbestimmen kann, was gedruckt oder gesendet wird. Dass ein solches Denken – zumindest was das Fernsehen angeht – zu kurz greift, zeigt Petra Hemmelmann mit kritischem Blick auf die Tücken der TV-Einschaltquoten sowie der Quotenorientierung der Fernsehsender.

Nimmt man die Frage nach einer ethisch-verantwortungsvollen Beteiligung der Mediennutzenden ernst, greift es zu kurz, diese lediglich auf einer rein theoretischen Ebene zu verhandeln. Dass es bereits wegweisende Konzepte gibt, wie Mediennutzenden im medialen Diskurs eine Stimme verliehen werden kann, zeigen drei Praxisberichte:

Helmut Peissl,  vom Community Medien Instituts COMMIT in Wien, skizziert, wie Community Medien als Lernraum für kritische Medienkompetenz genutzt werden können. Eines der bekanntesten Beispiele für Counterspeech ist die Gruppe „ichbinhier“. Nina Lüders schildert in ihrem Beitrag dessen Ziele, Vorgehensweise und Aktivitäten und Alexander von Streit von „Krautreporter“, beschreibt, wie Journalismus zu einem Gemeinschaftsprojekt werden kann. Hauptansprechpartner nach Verfehlungen im Journalismus ist der Presserat. Doch damit dieser agieren kann, ist er auf das Publikum angewiesen. Wir haben zum Abschluss unseres Themenschwerpunktes mit dem Medienrechtler und Geschäftsführer des Deutschen Pressrats Roman Portack gesprochen und ihn zu seiner Arbeit, der Rolle des Publikums sowie einer sich verändernden Debattenkultur befragt.

Ab sofort sind die einzelnen Artikel online verfügbar: https://doi.org/10.5771/0010-3497-2020-2-129

Selbstverständlich erscheint die Ausgabe, wie gewohnt, auch in gedruckter Form.

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