{"id":728,"date":"2017-10-13T19:12:25","date_gmt":"2017-10-13T17:12:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.communicatio-socialis.de\/blog\/?p=728"},"modified":"2018-04-16T19:28:42","modified_gmt":"2018-04-16T17:28:42","slug":"wer-soll-sich-das-denn-ansehen-der-robert-geisendoerfer-preis-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.communicatio-socialis.de\/blog\/wer-soll-sich-das-denn-ansehen-der-robert-geisendoerfer-preis-2017\/","title":{"rendered":"\u201eWer soll sich das denn ansehen?\u201c &#8211; Der Robert Geisend\u00f6rfer Preis 2017"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Unabh\u00e4ngigkeit \u2013 auch als Freiheit von der Quote<br \/>\n\u00dcberlegungen zur Verleihung des Robert Geisend\u00f6rfer Preises,\u00a0dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland, am 10. Oktober 2017<\/strong><\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_729\" aria-describedby=\"caption-attachment-729\" style=\"width: 234px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.communicatio-socialis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Robert_Geisendo\u0308rfer_1967_in_seinem_Bu\u0308ro_in_der_Mu\u0308nchner_Birkerstra\u00dfe-Detail.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-729 size-medium\" src=\"http:\/\/www.communicatio-socialis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Robert_Geisendo\u0308rfer_1967_in_seinem_Bu\u0308ro_in_der_Mu\u0308nchner_Birkerstra\u00dfe-Detail-234x300.jpg\" alt=\"\" width=\"234\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.communicatio-socialis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Robert_Geisendo\u0308rfer_1967_in_seinem_Bu\u0308ro_in_der_Mu\u0308nchner_Birkerstra\u00dfe-Detail-234x300.jpg 234w, https:\/\/www.communicatio-socialis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Robert_Geisendo\u0308rfer_1967_in_seinem_Bu\u0308ro_in_der_Mu\u0308nchner_Birkerstra\u00dfe-Detail.jpg 461w\" sizes=\"auto, (max-width: 234px) 100vw, 234px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-729\" class=\"wp-caption-text\">Robert Geisend\u00f6rfer, 1967 in seinem B\u00fcro in der M\u00fcnchner Birkerstra\u00dfe, Evangelischer Presseverband f\u00fcr Bayern e.V. derivative work: Rabanus Flavus (talk), CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=12531793<\/figcaption><\/figure>\n<p>Medien k\u00f6nnen nur dann als Korrektiv funktionieren, wenn sie unbequem, unstreitbar, unkorrumpierbar seien. In ihrer Dankesrede unterstreicht Dr. Gabriela Sperl die entscheidende Rolle medialer Unabh\u00e4ngigkeit f\u00fcr ein demokratisches Miteinander. Als Produzentin der Spielfilm-Trilogie <a href=\"http:\/\/www.daserste.de\/unterhaltung\/film\/mitten-in-deutschland-nsu\/index.html\">\u201eMitten in Deutschland: NSU\u201c<\/a> erh\u00e4lt sie im Rahmen der Robert-Geisend\u00f6rfer-Preisverleihung den Sonderpreis der Jury. Um das anspruchsvolle Projekt zu realisieren, habe sie \u201egek\u00e4mpft wie eine L\u00f6win\u201c und zwar \u201egegen alle Widerst\u00e4nde\u201c, erkl\u00e4rt Christian Schwochow, Regisseur von Teil I: <a href=\"http:\/\/[http:\/\/www.daserste.de\/unterhaltung\/film\/mitten-in-deutschland-nsu\/sendung\/die-taeter-heute-ist-nicht-alle-tage-100.html\">\u201eDie T\u00e4ter \u2013 Heute ist nicht alle Tage\u201c<\/a>.<\/p>\n<p>Sperls Herausforderung: Die Produktionsprozesse von drei unabh\u00e4ngigen Filmteams ebenso miteinander zu vereinbaren wie die erfolgreiche Zusammenarbeit mit vier beteiligten Landesrundfunkanstalten (SWR, BR, MDR, WDR) sowie der ARD Degeto zu koordinieren. \u201eWer soll sich das denn ansehen? Wann sollen wir so etwas blo\u00df senden?\u201c, seien Fragen, denen sich Filmschaffende seitens der Sender und Redaktionen immer wieder ausgesetzt sehen w\u00fcrden, wenn es um Quoten und potentiellen Erfolg gehe. Gabriela Sperl konstatiert: \u201eEs gibt keine Rezeptoren f\u00fcr Erfolg.\u201c Ihr liege vor allem am Herzen, den Themen nachzugehen, die nicht gesehen, verschwiegen oder vertuscht worden seien, sich ihr aber gerade deswegen wiederholt aufdr\u00e4ngen w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Geisend\u00f6rfer:\u00a0 Verantwortung von Medienschaffenden<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Gabriela Sperl die hohe Motivation zur investigativen Recherche ebenso wie die Freiheit medialer Produktionen als Voraussetzungen daf\u00fcr betont, dass Medienschaffende ihrer demokratischen Aufgabe gerecht werden k\u00f6nnen, ist sie nah bei Robert Geisend\u00f6rfers Idealen. Der Gr\u00fcnder und Direktor des Gemeinschaftswerks Evangelische Publizistik (GEP) sowie jahrelange Fernsehbeauftragte der EKD \u2013 um nur zwei seiner Positionen im Kontext der Christlichen Publizistik zu nennen \u2013 betont seiner Zeit ebenso die herausragende Stellung medialer Unabh\u00e4ngigkeit wie auch die Verantwortlichkeiten von Medienschaffenden: \u201eF\u00fcrsprache \u00fcben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen f\u00fcr die Sprachlosen\u201c. Im Gedenken an ihn zeichnet die Jury \u2013 neben dem Sonderpreis \u2013 in der Kategorie \u201eAllgemeine Programme\u201c j\u00e4hrlich bis zu <a href=\"http:\/\/www.robert-geisendoerfer-preis.de\/geisendoerferpreis\/index.html\">vier H\u00f6rfunk- und Fernsehsendungen<\/a> aus, sowie <a href=\"http:\/\/www.robert-geisendoerfer-preis.de\/geisendoerferpreis\/index.html\">zwei Fernsehproduktionen in der Sparte \u201eKinderprogramme\u201c<\/a>. Auswahlkriterium ist exzellente journalistische, konzeptionelle wie auch gestalterische Qualit\u00e4t, bei Kinderfilmen selbstverst\u00e4ndlich auch das p\u00e4dagogische Niveau. Die Jury w\u00e4hlt Preistr\u00e4ger_innen danach aus, inwieweit sie soziale Verantwortung und gegenseitige Anerkennung im Sinne eines guten, mitmenschlichen Zusammenlebens zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p><!--more-->Dieser Anforderung gerecht zu werden, kann gleichzeitig die Pflicht bedeuten, Missst\u00e4nde wie Ungerechtigkeit oder Ausbeutung aufzuzeigen. Die Dokumentation \u201eLa buena vida\u201c (3sat\/ ZDF), eine der vier preisgekr\u00f6nten Werken in der Kategorie \u201eAllgemeine Programme\u201c, f\u00fchrt ihrem Publikum vor Augen, wie Gro\u00dfkonzerne den Kohleabbau in Kolumbiens W\u00e4ldern voranpeitschen und damit das Leben ans\u00e4ssiger Gemeinschaften wie der Way\u00fau schrittweise zerst\u00f6ren. Im Zuge der Verhandlungen \u00fcber ihre Umsiedlung f\u00fchlen sich die Way\u00fau zutiefst betrogen, glauben nicht an das \u201eviel komfortablere\u201c Leben, das ihnen versprochen wird. Die Bewohner_innen sind eng mit ihrem Dorf Tamaquito verwurzelt, wollen hier weiterhin in und mit der Natur leben: \u201eWir m\u00fcssen arbeiten und s\u00e4en! Wovon sollen wir sonst leben?\u201c \u201eLa buena vida\u201c f\u00fchrt seinem Publikum vor Augen, dass es selbst Verantwortung tr\u00e4gt: W\u00e4hrend Kolumbien zu den gr\u00f6\u00dften Kohlelieferanten weltweit z\u00e4hlt, produzieren acht deutsche Kraftwerke Strom aus kolumbianischer Kohle.<\/p>\n<p>Mit seiner F\u00e4higkeit, sich Zeit zu nehmen f\u00fcr die intensive Auseinandersetzung in unmittelbarer N\u00e4he zu seinem Betrachtungsgegenstand, f\u00fcr die \u201eGeschichten hinter den Geschichten\u201c (Jana Matthes), f\u00fcr die \u00dcbersetzungsleistung komplexer Sachverhalte in eine f\u00fcr den_die Zuschauer_in zug\u00e4ngliche Darstellung ist der Dokumentarfilm als Genre von hoher Relevanz f\u00fcr den informierten Diskurs einer demokratischen Gesellschaft. Umso alarmierender ist sein aktueller Status im \u00f6ffentlich-rechtlichen Programm: Sendepl\u00e4tze zu sp\u00e4ten Abend- und Nachtzeiten auch f\u00fcr preisgekr\u00f6nte Produktionen und Dumping-Honorare f\u00fcr Filmteams, die zu selbstausbeuterischen Bedingungen arbeiten, sind leider keine Ausnahme. Diese untragbare Situation betonen auch die beiden Preistr\u00e4ger von \u201eLa buena vida\u201c, Jens Schanze (Buch und Regie) und B\u00f6rris Weiffenbach (Kamera), im Nachgang ihrer Dankensrede.<\/p>\n<p>\u201eWer soll sich das denn ansehen? Wann sollen wir so etwas blo\u00df senden?\u201c, sind Fragen seitens der Sender mit denen sich Dokumentarfilme noch wesentlich st\u00e4rker konfrontiert sehen als Spielfilme \u2013 ihre Rentabilit\u00e4t scheint g\u00e4nzlich angezweifelt. Sie bekommen prinzipiell kaum Sendepl\u00e4tze und wenn pr\u00e4mierte Produktionen dann doch mit Gl\u00fcck um 22:15 Uhr erstausgestrahlt werden, soll das den Sender am besten nichts kosten. \u201eNeues hat so wenig Chancen. Fernsehschaffende haben Angst und Angst erstickt Kreativit\u00e4t. Man darf nicht an das Ergebnis denken, um ein Ergebnis zu erhalten. Wenn man danach sucht, blockiert man den kreativen Prozess. Es ist wichtig zu lernen, die Schranken, die uns umgeben, zu durchbrechen [.]. So [.] erweitern [wir] Horizonte [.]. Dies zu bewerkstelligen, halte ich f\u00fcr einen Kernauftrag \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehens\u201c, unterstreicht Sabine Rollberg, Professorin an der Kunsthochschule f\u00fcr Medien K\u00f6ln (KHM), in ihrem <a href=\"http:\/\/[http:\/\/www.medienkorrespondenz.de\/leitartikel\/artikel\/ein-plaedoyer-fuer-den-dokumentarfilm-imnbspfernsehen.html\">Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Dokumentarfilm<\/a> bereits vor zwei Jahren. Im reichsten Mediensystem der Welt ist die prek\u00e4re Situation des Dokumentarfilms zutiefst irritierend. Auch wenn der Robert Geisend\u00f6rfer Preis Filmschaffenden Forum und Anerkennung schenkt, k\u00f6nnen Veranstaltungen wie diese allein einem solchen Defizit nicht genug entgegenhalten. Es liegt in der publizistischen Verantwortung der Sendeanstalten, dieser Problematik zu begegnen, Filmschaffenden faire Angebote zu unterbreiten und deren unersetzbare Leistung innerhalb einer informierten Gesellschaft zu wertsch\u00e4tzen, um eine qualitativ hochwertige \u00f6ffentlich-rechtliche Medienlandschaft zu erhalten. Nur dann k\u00f6nnen Produktionsteams weiterhin frei und unabh\u00e4ngig arbeiten, um Werke zu schaffen, die in Geisd\u00f6rfer\u2019schem Sinn ihren Verantwortlichkeiten gerecht werden: \u201eF\u00fcrsprache \u00fcben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen f\u00fcr die Sprachlosen.\u201c<\/p>\n<p><em>Susanna Wolf, M. A. ist Medienethikerin und setzt sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung Christliche Publizistik der FAU Erlangen-N\u00fcrnberg mit Privatheit, Datenschutz und deliberativen Prozessen im Kontext der digitalen Demokratie auseinander.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unabh\u00e4ngigkeit \u2013 auch als Freiheit von der Quote \u00dcberlegungen zur Verleihung des Robert Geisend\u00f6rfer Preises,\u00a0dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland, am 10. Oktober 2017 Medien k\u00f6nnen nur dann als Korrektiv funktionieren, wenn sie unbequem, unstreitbar, unkorrumpierbar seien. 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