
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Stand: 2025) sind in Deutschland 13,3 Millionen Menschen armutsgefährdet. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Äquivalenzeinkommens – das entspricht ca. 1446 Euro netto pro Monat – der Gesamtbevölkerung verdient.
Armutsgefährdete und arme Menschen werden nicht selten von der Gesellschaft ausgegrenzt und stigmatisiert. Armut ist ein Tabuthema, mit Scham behaftet. Gerade deshalb ist es aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht relevant, wie Diskurse über Armut öffentlich geführt werden. Genau dies möchte die neue Ausgabe von Communicatio Socialis tun.
Dass das Thema Armut medienethisch relevant ist und kontrovers diskutiert werden kann und soll, haben wir in der Redaktion hinsichtlich der Covergestaltung erfahren. Darf man stereotypische Darstellungen von Armut satirisch aufgreifen, um auf die stereotypische Darstellung von Armut hinzuweisen? Diese Frage haben wir intensiv diskutiert, Pro- und Contra-Argumente abgewogen und schließlich mit Ja-beantwortet. Zum einen, weil wir mit der satirischen Karikatur auf die vereinfachenden Narrative, die stereotypische Bildsprache hinweisen und sie aufbrechen möchten. Zum anderen, weil die Karikatur – als etablierter Kunstform – ein populäres Medium der kritischen Gesellschaftsbeobachtung darstellt.
Die Beiträge im Heft
Der Auftakt für unsere aktuelle Ausgabe kommt von Hannah Kehl, Hella de Haas, Jana L. Peters und Olaf Jandura. Der über Inlibra kostenfrei abrufbare Beitrag (https://doi.org/10.5771/0010-3497-2026-2-172) beschäftigt sich mit der digitalen Kluft zwischen armutsbetroffenen und nicht von Armut betroffenen Menschen in Deutschland. Methodisch stützt er sich auf eine Sekundärdatenanalyse. Die Autor:innen schlussfolgern, dass soziale Ungleichheit im digitalen Raum reproduziert wird.
Der sozialen Ungleichheit im Journalismus widmen sich Tanja Köhler, Julia Lönnendonker und Johanna Mack. Auf Basis einer quantitativen Befragung von Volontär:innen und Journalistenschüler:innen kommen die Autor:innen in ihrer peer-reviewten Studie zu dem Schluss, dass sich der journalistische Nachwuchs sozial selektiv zusammensetzt. Die Mehrheit der angehenden Journalist:innen stammt aus akademischen Elternhäusern. Spannend sind auch die Befunde zum Rollenverständnis: Hier zeigen die Autor:innen, dass sich angehende Journalist:innen aus akademischen Berufen eher als Kontrollinstanz verstehen. Befragte aus nicht-akademischen Elternhäusern betonen hingegen eher die Aufgabe des Journalismus zur Partizipation.
Einen Blick auf die Armutsdiskurse in Österreich werfen Alban Knecht, Michaela Moser und Martin Schenk. Sie untersuchen in ihrem peer-reviewten Beitrag nicht nur wie Armut in Massenmedien konstruiert wird, sondern auch wie Initiativen wie „Die Armutskonferenz“ darauf Einfluss nehmen. Dafür werden drei konkrete Projekte des österreichischen Netzwerks gegen Armut und soziale Ausgrenzung vorgestellt.
Eine ähnliche Perspektive nimmt der Beitrag von Andreas Schulz-Tomančok und Josef Seethaler ein. Die beiden Forscher untersuchen, wie Armut und soziale Ausgrenzung im ORF thematisiert wird. Die Ergebnisse der qualitativ angelegten Studie, bei der Medienschaffende und Armutsbetroffene befragt wurden, zeigen, dass Armut oft individualisiert dargestellt wird. Für die Darstellung von Armutsbetroffenen wird erwartet, dass nicht über Menschen, sondern mit von Armut betroffenen Menschen berichtet wird.
Über linguistische und psychosoziale Dynamiken von Bettelschildern, um rhetorische Strategien der Bedürftigkeit, geht es im Text von Maja Jerrentrup. Die Autorin untersucht 42 Bettelschilder hinsichtlich ihrer visuellen, formalen und sprachlichen Gestaltung – auf der Grundlage einer medienethischen Reflektion der Datenerhebung. Ihr Fazit: Bettelschilder verdichten Botschaften, generieren aber auch Selbststereotypisierungen.
Annika Franzetti setzt sich in ihrem Beitrag mit vier Werken aus dem Genre Kinder- und Jugendliteratur aus unterschiedlichen Epochen auseinander, zum Beispiel das Märchen „Die Sterntaler“ der Brüder Grimm und das Kinderbuch „Pünktchen und Anton“ von Eich Kästner, und fragt, wie sich diese Geschichten mit dem Thema Armut auseinandersetzen. Franzetti stellt überzeugend dar, dass vor allem die zeitgenössische Literatur Chancen bietet, den Dialog über Armut zu fördern.
Den Abschluss des Themenschwerpunktes bildet die Innenansicht von Katharina Zöpfl und Imke von Maur. Die beiden Philosophinnen gehen der Frage nach, wie sich mit Kindern über Armut philosophieren lässt. Erfahrungen hierfür haben die Autorinnen in einem Workshop mit Grundschulkindern im Rahmen eines Seminars an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt gesammelt.
Markus Behmer beschäftigt sich in der Rubrik „Grundbegriffe der Kommunikations- und Medienethik (Teil 44)“ mit „Toleranz. Tobias Gostomzyk geht in der Rubrik „zuRechtgerückt“ den rechtlichen Lücken im digitalen Informantenschutz auf den Grund. Einen theoretischen Beitrag liefert Anna Lena Fehlhaber. Sie fragt nach der Übertragbarkeit von James S. Colemans Vertrauenstheorie auf digitale Kommunikationskontexte. „Darf Wissenschaft Lobbying?“ fragt Antje Eichler in ihrem Aufsatz. Ihr Fazit: „Nicht das Lobbying der Wissenschaft ist legitimatorisch problematisch, sondern der Verzicht darauf.“ Der letzte Aufsatz des Heftes widmet sich Kommunikation in Religion und Gesellschaft. Benedikt Rauw versteht Beziehungen hierbei als normative Orte und liefert Perspektiven auf den relationalen Wandel in Moraltheologie und KI-Ethik. Abgeschlossen wird die Ausgabe traditionell mit der Literaturrundschau.
Ab sofort sind die einzelnen Artikel online verfügbar.
https://www.inlibra.com/de/journal/view/issn/0010-3497/articles
Selbstverständlich erscheint die Ausgabe, wie gewohnt, auch in gedruckter Form.